Canaan Dogs (Kanaanhunde) sind Hunde vom Urtyp wie z. B. der Alaskan Malamute, der Basenji und der Taiwan Dog. Sie haben noch mehr Wildtier in sich als die bekannten Haushunderassen, die schon seit sehr langer Zeit sehr eng mit dem Menschen zusammenleben. Da Canaan Dogs ursprünglich eher nur bei den Menschen und in ihrem Umfeld gelebt haben, und zwar konkret um die Lager der nomadisch lebenden Beduinen, haben sie — in unterschiedlicher Ausprägung — noch sehr alte Instinkte und Verhaltensmuster, die ihnen beim Leben und Überleben in der freien Natur dienlich waren. Sie sind nicht gezüchtet und mit dem Zweck selektiert worden, einen vom Menschen bestimmten Zweck zu erfüllen wie beispielsweise ein Jagdhund, Hütehund oder auch ein Familienhund. Canaan Dogs haben über Jahrtausende mit dem Menschen co-existiert und sich darauf eingestellt, in seiner Nähe zu leben und ihm durch diese Nähe auf die eine oder andere Weise nützlich zu sein — zu ihren eigenen Konditionen, freiwillig und autonom. Sie sind eher unsere Mitbewohner als unsere „Haustiere“.
Verhandeln statt gehorchen
Daher gibt man einem Canaan Dog weniger Befehle, man einigt sich eher mit ihm. Bevor man eine Einigung erzielt, muss man verhandeln — und auch akzeptieren, dass der Urhund je nach Situation nicht verhandeln will, sondern seine ganze Aufmerksamkeit der Situation widmet. Ein Beispiel: Auf einem Feldweg, der unseren Weg quert, fährt in etwa 100 Metern Entfernung ein Radfahrer. Luca bleibt stehen und beobachtet ihn, denn er muss für sich (und uns) klären, ob dieses komische Etwas, das sich da so fix bewegt, eine Gefahr darstellt. Ich kann jetzt mit Würstchen winken oder einen Handstand machen, Luca wird mich höchstens kurz anschauen oder mich einfach ignorieren. Das ist kein böser Wille und auch keine Sturheit, das ist der Canaan Dog.
Für wen ist der Canaan Dog geeignet?
Wer das nicht akzeptieren mag, wird mit einem anderen Hundetyp glücklicher, so wie auch der Canaan Dog nur in einem Zuhause glücklich wird, das sein Wesen kennt, seine Ursprünglichkeit achtet und ihn dabei unterstützt, normale Alltags- und Familiensituationen zu bewältigen — ohne ihm seine Ur-Instinkte zu nehmen, ihn gar zu unterdrücken oder seinen Willen zu brechen und ihm die Freiheit zu nehmen, das zu sein, was er ist.
Beschäftigung und Training
Möchte man Aktivitäten nachgehen, die das Üben bestimmter Abläufe mit sich bringen, muss man konsistent, konsequent (nicht streng), geduldig und einfallsreich sein. Canaan Dogs lernen schnell, sind allerdings auch recht stoisch, schnell gelangweilt und nicht immer einfach zu motivieren. Manche tun einiges für Leckerchen oder andere Belohnungen, andere nicht, und wenn sie etwas stört oder beunruhigt, hilft meist auch das tollste Leckerli nichts. Auch Hundetrainer, die zwar viel Erfahrung mit den gängigen Hunderassen haben, aber noch nicht mit Urhunden wie dem Canaan Dog gearbeitet haben (die ja auch sehr selten sind), sind nicht selten überfordert, weil sie die besonderen Gegebenheiten dieses Hundetyps nicht kennen und ihr übliches Programm durchziehen wollen. Reines Gehorsamkeitstraining und Übungen mit vielen Wiederholungen werden jedoch von Canaan Dogs schnell ignoriert; sie profitieren oft mehr von gemeinsamen Unternehmungen, die die Bindung stärken und zusammenschweißen.
Es gibt sehr viele Möglichkeiten, sich mit seinem Canaan Dog zu beschäftigen, ohne einen übermäßigen Aufwand zu betreiben. Auch wenn sie sehr athletisch sind, wollen sie nicht länger und intensiver beschäftigt werden als andere Hunde. Was genau das gesunde Maß ist und welche Aktivität gut ankommt, hängt vom einzelnen Hund ab und letztlich auch davon, womit sich seine Bezugspersonen wohlfühlen. Wer z. B. einen Canaan Dog hat, der gerne Fährten liest, selbst aber keine Ausbildung als Hundeführer im Rettungsdienst absolvieren möchte, kann mit seinem Hund trotzdem Fährtenarbeit machen. In den USA wird der Canaan Dog z. B. auch gerne als Hütehund auf der Farm eingesetzt. Einer der von uns gezüchteten Canaan Dogs hilft seiner Besitzerin, die eine Hundebetreuung betreibt, Ordnung unter den Gasthunden zu schaffen und zu wahren; ein anderer begleitet seine Besitzerin zur täglichen Arbeit in einer Praxis für Physiotherapie und begleitet die Fachkräfte gelegentlich auch zu Patienten, die sich über seinen Besuch freuen.
Unsere zehn Grundregeln für das Zusammenleben
Für das Zusammenleben mit Canaan Dogs (Kanaanhunden) und gemeinsame Aktivitäten wie Spiel, Training und Arbeit kann man nach unserer Erfahrung etwa die folgenden Grundregeln annehmen (bestätigt durch Ausnahmen):
1. Nichts forcieren
Einen Urhund wie den Canaan Dog kann man nicht dazu zwingen, etwas zu tun, aber man kann ihn von sehr vielem überzeugen. Dazu gehören Geduld, Klarheit und kurze Übungsphasen; wenige Minuten, wenige Wiederholungen und nicht zu kleinschrittig, sonst sind sie schnell gelangweilt. Wenn man einen Canaan Dog davon überzeugen möchte, dass etwas nicht so gefährlich für ihn ist, wie er es empfindet, braucht es Babyschritte. Aversives Training á la Cesar Millan mit Alpha-Gehabe, Bedrängung, Strafen etc. sind für Urhunde wie den Canaan Dog nicht geeignet.
2. Der kürzeste Weg zur Lösung
Ein Urhund lernt schnell, wie er ein Problem lösen kann, und wählt dazu den für ihn einfachsten und kürzesten Weg. Canaan Dogs sind in aller Regel zurückhaltend gegenüber allem Fremden, einschließlich Menschen; wenn sie z. B. vermehrt der Situation ausgesetzt werden, dass sich ihnen fremde Menschen oder Hunde nähern oder sie sogar berühren dürfen, finden sie üblicherweise schnell heraus, dass Knurren und Bellen das Problem lösen. Das ist nicht der „Fehler“ des Urhunds, sondern seines Menschen, der ihn in diese Situation bringt.
3. Klare Signale
Alle Menschen, die mit einem Canaan Dog umgehen, weil sie zur Familie gehören oder regelmäßig zu Besuch kommen, müssen die Sprache dieser Hunde lesen und achten lernen. Canaan Dogs geben sehr klare Signale, die von den Menschen in ihrem Umfeld gesehen, richtig gedeutet und auch ernstgenommen werden müssen. Und je klarer die Signale sind, die wir unserem Hund geben, desto eher werden sie von ihm richtig gedeutet. Wichtig: klar bedeutet nicht laut, heftig, dauernd — wenige Worte und Gesten, konsistent angewendet, sind der Schlüssel zum Erfolg.
4. Keine versteckte Agenda
Canaan Dogs erkennen sehr gut die Motivation hinter dem Handeln des Menschen, also z. B. ob man sie ruft, weil man mit ihnen den Rückruf übt und ein Leckerchen bereithält, weil man das Spiel beenden möchte (= doof) oder weil eine Gefahr droht (die der Canaan Dog dann meist zuerst auch selbst einschätzen will). Wer mit Canaan Dogs gut zusammenleben und gemeinsamen Aktivitäten nachgehen möchte, muss klare Absichten haben und sich bewusst sein, dass diese Hunde unsere Absichten mühelos erkennen.
5. Im Hier und Jetzt
Wer mit Canaan Dogs zusammenlebt, lernt sehr schnell Achtsamkeit, denn diese Hunde beobachten nicht nur alles, sie lernen auch ständig: Sie merken sich, wer welche Rolle hat, wie der gesamte Alltag abläuft, wer wo welche Tür öffnet oder schließt etc., und finden mühelos die Lücke im System. Wer nicht überwiegend im Hier und Jetzt, sondern in den Wolken lebt, wird von seinem Canaan Dog sehr schnell auf den Boden der Tatsachen geholt.
6. Stabilität und Sicherheit für alle
Canaan Dogs bevorzugen Stabilität und Sicherheit und haben eine unterschiedlich starke Neigung, ihre Umgebung zu checken und eventuell auch den Kontrolleur zu spielen. Dies kann insbesondere dann geschehen, wenn wir Menschen ihnen nicht die gewünschte Stabilität und Sicherheit geben oder geben können, z. B. weil unsere Energie und Aufmerksamkeit gerade anderswo gebraucht wird. In solchen Situationen oder Lebenslagen ist es nicht unüblich, dass ein Canaan Dog versucht, die Ordnung, die er braucht, selbst herzustellen (oder dies zumindest zu versuchen) und seinen Menschen mehr oder weniger deutlich zu zeigen, was nach seiner Ansicht jetzt zu geschehen hat oder eben gerade nicht. Je fester und geregelter die Strukturen und Abläufe in unserem Haushalt sind, desto einfacher ist auch das Leben mit unseren Canaans.
7. Erkenne dich selbst
„Gnothi seauton – Erkenne dich selbst“, hieß es bei den alten Griechen — das ist nicht einfach, aber Canaan Dogs sind eine große Hilfe. Ganz häufig zeigt ihr Verhalten eben jene „Lücke im System“, die zu schließen in unserer Verantwortung liegt, und ein als problematisch gesehenes Verhalten unseres Urhundes hat seine Ursache in unserem eigenen Verhalten, dessen wir uns oft gar nicht bewusst sind. Der Canaan Dog hält uns den Spiegel vor. Wenn wir hineinsehen, erkennen wir vielleicht, dass unser Hund in der fraglichen Situation bei uns eine Unsicherheit gespürt hat — und dann, typisch für viele Canaan Dogs, die Sache selbst in die Hand genommen hat, indem er z. B. den anderen Hund, der „komischer“ war, als wir (und vielleicht auch dessen Besitzer) gedacht haben, kurzerhand durch Bellen vor dem Näherkommen gewarnt hat.
8. Gib mir A, dann gebe ich dir B
Urhunde sind jahrtausendealte Überlebenskünstler, für die es immer wichtig war, Ressourcen zu sichern. Daher lebt in ihnen auch heute noch das Prinzip: „Gib mir A, dann gebe ich dir B.“ Mit anderen Worten: „Wenn du möchtest, dass ich mich so verhalte (B), dann musst du mir etwas dafür geben (A). Sonst läuft das nicht.“ Und sie wissen meist auch sehr genau, was sie tun müssen, um zu bekommen, was sie wollen. Wer dies weiß und das Spiel ausgeglichen gestalten kann, kann mit seinem Canaan Dog sehr harmonisch zusammenleben.
9. „Viel zu lernen du noch hast.“
Diese Worte von Meister Yoda bringen das Leben mit Canaan Dogs auf den Punkt: Man lernt nie aus und entdeckt an diesen Hunden, die sich selbst stets weiterentwickeln und reifen wie ein guter Whisky, immer wieder eine neue Facette. Auch wenn man noch so viel Hundeerfahrung mitbringt. Und natürlich ist auch nicht jeder Canaan gleich, denn die grundlegenden Wesenszüge zeigen sich innerhalb der Rasse in einer recht großen Bandbreite. So wird es mit diesen Hunden nie langweilig.
10. Die Liebe trägt alles
Hunde, auch Hunde vom Urtyp, verhalten sich so, wie sie es im gegebenen Augenblick können. Je nach Situation fällt ihre Reaktion nicht so aus, wie wir uns das wünschen, und wir hätten ihr Verhalten gerne anders. Wenn wir versuchen, das von uns gewünschte Verhalten herbeizuführen, dies aber nicht gelingt, kommt verständlicherweise schon einmal Frust auf, vielleicht auch Enttäuschung oder Ärger. Das entspannt die Situation nicht, sondern führt eher zur Verkrampfung und, wenn es ganz blöd läuft, zu einer Eskalation. Auch auf „Einsicht“ oder ein freiwilliges „Nachgeben“ des Hundes zu hoffen, der nun einmal nach eigenen, anderen Prinzipien handelt, macht nicht glücklicher. Daher ist es besser, über die eigenen Fehler und auch die des Hundes zu lachen, sich in Geduld zu üben und es mit Goethe zu halten: „Mein Rat ist daher, nichts zu forcieren und alle unproduktiven Tage und Stunden lieber zu vertändeln und zu verschlafen, als in solchen Tagen etwas machen zu wollen, woran man später keine Freude hat.“
Canaan Dogs verhalten sich nicht so, wie sie es tun, um uns zu ärgern, aber in der Regel auch nicht, um von uns geliebt zu werden — denn sie lieben uns sowieso und erwarten dasselbe von uns. Sie wollen so geliebt werden, wie sie uns lieben: bedingungslos.
Weiterführende Literatur
Für alle, die tiefer in Hundeverhalten und Training einsteigen möchten — nicht Canaan-Dog-spezifisch, aber von uns geschätzt:
- Patricia B. McConnell: The Education of Will, Das andere Ende der Leine, The Cautious Canine, Feisty Fido, Feeling Outnumbered?
- Ulrike Seumel: Marker-Training für Hunde
- Sonja Meiburg: Lass das! Hunden freundlich Grenzen setzen
- Katja Krauß, Gabi Maue: Emotionen bei Hunden sehen lernen
- Udo Gansloßer: Verhaltensbiologie Hund – Praxisbuch
- Elisabeth Beck: Psycho-Kiste für Hundehalter
- Jean Donaldson: MINE: A Practical Guide to Resource Guarding in Dogs
